Freitag, 14.04.2006
Illoyalität gegenüber dem Arbeitgeber
Ende Februar hatte ich hier erzählt, daß in einem Berliner Pflegeheim, das zu einem landeseigenen Konzern gehört, der Pflegeheime und Krankenhäuser betreibt, eine Altenpflegerin fristlos entlassen worden ist, weil sie Mißstände (erhebliche Pflegemängel) öffentlich gemacht hat, nachdem sie versuchte intern an den Verhältnissen etwas zu ändern und nur gegen Mauern gelaufen war.
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Sonntag, 11.12.2005
Umzug
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Freitag, 09.12.2005
Was die Tibeter meinen ...
Frau Dr. Pepa erwähnt in ihrem Blog von einem Kollegen, der sich mit tibetanischer Medizin beschäftigt. Die Tibeter gingen davon aus, dass die Zunahme von Demenzerkrankungen in der westlichen Welt ihren Ursprung in der Fixierung auf materielle Werte habe.
Bei der bekanntesten Suchmaschine lande ich bei Eingabe der Begriffe ?tibetanische Medizin? bzw. ?tibetische Medizin? und ?Demenz? nur auf Esoterikseiten. Ich versuche es bei einigen Medizin-Suchmaschinen. Zu tibetischer Medizin gibt es einiges: Institute, Ärzte, Fortbildungen und Kongresse für Ethnomedizin. Aber über die Sicht von Demenzerkrankungen aus der Sicht der tibetischen Medizin ist im deutschsprachigen Web nichts zu finden.
Die Alzheimer-Kranken ? und Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz in Deutschland - , die ich bis jetzt kennen gelernt habe - sind nicht mehr oder weniger materiell orientiert als andere Durchschnittsdeutsche.
Wenn man Alzheimer schon einer psychosomatischen Betrachtung unterziehen will, dann wäre für mich die Fragestellung wesentlich interessanter, warum es für 1/4 der über 80jährigen (denn soviele sind von Demenz betroffen) - vom Unbewußten her gesehen - angenehmer ist zu vergessen als ihre Erinnerungen zu behalten.
Und da diese Generation den Nationalsozialismus erlebt hat, wäre übrigens interessanter, wie das mit dem Zusammenhang zwischen Verdrängen und Vergessen ist.
Und da sehr viel mehr Frauen als Männer von Alzheimer betroffen sind, könnte man auch noch fragen, ob es Zusammenhänge mit traumatischen Erlebnissen wie Vergewaltigungen durch Besatzer / Befreier gibt.
Wäre für mich alles nahe liegender als "materielle Fixierungen". Da wäre eine Frage, was den durchschnittlichen Krebskranken von einem durchschnittlichen Demenzkranken in seiner materiellen Fixierung unterscheidet.
Donnerstag, 08.12.2005
Neue Broschüre über Altersdemenz
?Etwa eine Million Bundesbürger ab 65 Jahren sind von einer mittelschweren oder schweren Demenz betroffen. Häufigste Form der Demenz ist die Alzheimer-Erkrankung. Im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung sind die Patienten nicht mehr zur selbständigen Lebensführung in der Lage.
Informationen über Risikofaktoren, Prävention, Häufigkeit, Therapie und die aktuelle Forschung der Alzheimer-Demenz bietet eine neue Broschüre der Gesundheitsberichterstattung des Bundes (GBE). Das Heft ?Altersdemenz? kann kostenlos schriftlich vom Robert-Koch-Institut, GBE, Seestraße 10, 13353 Berlin angefordert werden. Es ist auch im Internet unter www. rki. de, Stichwort Gesundheitsberichterstattung, abrufbar? heißt es in der Pressemitteilung des Instituts.
Die Broschüre umfasst 35 Seiten und ist vor allem dann interessant, wenn man sich für die Zahlen rund um Demenzerkrankungen interessiert.
Montag, 05.12.2005
Früher - heute
?Früher habe ich immer viel gemeckert? sinniert Mutti vor sich hin.
Wie wahr ? denke ich. Ich konnte ihr fast nie etwas recht machen. ?Früher?? gebe ich fragend zurück und warte, von was sie erzählt. ?Ja, früher als ich noch was zu sagen hatte. Jetzt hab? ich nichts mehr zu sagen ? Pause ? zumindest denk? ich, dass ich nichts mehr zu sagen hab?. Sie sagt das nicht anklagend oder resigniert, sondern einfach als Feststellung.
Ich schlucke. Was soll ich auch darauf sagen. Sie ist zwar in einem Heim, in dem so weitgehend wie möglich die Wünsche der Bewohner berücksichtigt werden und die Mitarbeiter ihr Möglichstes tun, um jedem Individuum sein eigenes Leben zu ermöglichen.
Ihr fehlt ihr eigenes Leben in ihrer eigenen Wohnung ? und das ist unwiederbringlich verloren. Jetzt ist so ein Moment, wo ihr das bewusst ist.
Freitag, 02.12.2005
Wieder handlungsfähig
Uffffz: Nie hätte ich gedacht, dass ein Gerichtsbeschluß mit einem solchen Gefühl von Erleichterung verbunden sein kann. In Berlin gilt der Spruch: Freitag um eins macht jeder seins. Da geht gar nichts mehr, und schon gleich gar nicht bei Behörden, doch: Soeben kam der Bote vom Amtsgericht Abteilung Vormundschaften und hat mir den Beschluß über die Betreuung meiner Mutter ausgehändigt, die bis 2012 läuft, weil gesetzlich eine Überprüfung alle sieben Jahre vorgesehen ist. Nun bin ich im Hinblick auf meine Mutter ? juristisch gesehen ? wieder handlungsfähig.
Meine Rechte sind insofern noch erweitert worden als bei der Vermögenssorge, die ich auch bisher hatte, ein Einwilligungsvorbehalt eingerichtet worden ist. Normalerweise bekommt man die Vermögenssorge. Das heißt, man kann für den Betreuten ein Konto einrichten und die entsprechenden finanziellen Transaktionen durchführen. Der Betreute kann das Gleiche tun. Betreuer und Betreuer haben also im Hinblick auf das Bankkonto gleiche Möglichkeiten. Wenn also jemand den Betreuten zur Bank schleppen würde und ihn veranlasst, dieses und jenes zu unterschreiben, dann ist es rechtsgültig. Damit wird viel Schindluder getrieben.
Wenn das Gericht einen Einwilligungsvorbehalt verfügt, dann kann der Betreute nur mit ausdrücklicher schriftlicher Einwilligung des Betreuers finanzielle Verfügungen treffen. Mit dem Betreuerausweis kann es noch etwas dauern ? die Richterin meinte bis zu einem Monat.
Denjenigen, die hier chronologisch frühere Einträge lesen wollen, können hier klicken, denn die Software von blogg.de sieht nicht vor, dass man am Ende des Files auf ?ältere Beiträge? klicken kann, und über die Archivsuche ist es dann doch ziemlich umständlich
Donnerstag, 01.12.2005
Erklärungsversuch 1
Eugen betreut seit vielen Jahren eine Bekannte, die im mittleren Stadium an Demenz erkrankt ist. Auch in seiner beruflichen Tätigkeit in der Altenpflege hat er viel mit Alzheimer-Kranken zu tun. In einer Email, aus der ich mit seiner Erlaubnis zitiere, schreibt er:
?Die Vorstellung eines linear verlaufenden Verlustes an geistiger Fähigkeit und bewußter (Eigen-)Wahrnehmung im Gefolge der Demenzerkrankung widerspricht meinen bisherigen Erfahrungen. Vielmehr erlebe ich immer wieder auch im weit fortgeschrittenen Krankheitsstadium Reaktionen, die von einem eher diffusem Ausdruck darüber, daß etwas nicht mehr zusammenpassen will bis zu einer auch verbal klaren Äußerung darüber reichen kann, was nicht stimmt - auch wenn ansonsten kein klares Wort mehr geäußert werden kann. Dies gilt um so mehr, je weniger Neuroleptika zum Einsatz kommen. Dies kommt natürlich selten vor, aber es kommt vor.
Meine Phantasie dazu ist die, daß das Bewußtsein durch die Krankheit nicht zerstört wird - sondern daß seine sinnvolle Verknüpfung zunehmend mißlingt. Aber unter bestimmten, nicht kausal herbeizuführenden Bedingungen ein kurzes Erwachen (denke oft dabei an den Film 'Awakening') möglich wird.
Im meinem praktischen Bezug versuche ich mich deshalb so zu stellen, daß ich ein intaktes Bewußtsein auch dort anspreche, wo es völlig verloren scheint. Zudem erlaubt mir diese Haltung, die Atmosphäre und das Gefühl von Normalität herzustellen, die das kranke Gegenüber braucht, um sich in seinem Menschsein zu erfahren.?
Mittwoch, 30.11.2005
Erkennt sie ihn?
Mamas Wohngruppe plant den Besuch eines Weihnachtsmarkts. Weil mich eine Erkältung erwischt hat, bietet G. an, den Wintermantel vorbeizubringen.
Ob Mama G. erkennen wird wenn er alleine kommt? Die kennt ihn erst seit Berlin. Er kommt immer wieder mal mit, wenn ich sie besuche und war auch bei ihrem Geburtstag dabei.
Ich vermute, dass sie ihn nicht wieder erkennt. ?Wer ist denn der Mann?? fragte sie sogar einmal als wir zusammen kamen.
Ich war völlig platt als er mich anrief: ?Sie hat mich erkannt und sich gefreut?. Wir können das beide nicht einordnen, denn die Zeitdauer, die sie ihn kennt, fällt doch in den Zeitraum, in dem sie Schwierigkeiten mit dem Kurzzeitgedächtnis hat.
Montag, 28.11.2005
Forget your Career - Vergiß deine Karriere
In der New York Times vom letzten Freitag beschreibt ein Artikel vom letzten Freitag einen neuen Trend unter amerikanischen Oberschichtfrauen jenseits von Mitte 40:
Forget the Career. My Parents Need Me at Home (Vergiß die Karriere. Meine Eltern brauchen mich zuhause)
Frauen schmeißen ihre sehr lukrativen Jobs hin ? werden angeblich von zurückbleibenden Kollegen ob dieser Wahl beneidet und widmen sich in den beschriebenen Beispielen an Alzheimer erkrankten Eltern. Schon gibt es soziologische Untersuchungen, die dafür ein Etikett haben: ?Daughter?s Track? (frei übersetzt: Tochter-Schiene) ? im Gegensatz zu Mother?s Track (Mutter-Schiene).
Da ist unter anderem die Rede von einer Journalistin und Radiomoderatorin mit 6stelligem Jahreseinkommen. Sie kehrt in ihr Elternhaus zurück. Der jetzt an Alzheimer erkrankte Vater stellte Autoersatzteile her. Damit sie ?etwas Geld in der Tasche hat?, bekommt sie von Mama 22 000 Dollar Taschengeld im Jahr und natürlich die Krankenversicherung bezahlt.
Papa ist bis zum Nachmittag in einer Tagespflege-Einrichtung. Mutter und Tochter nehmen in dieser Zeit Malstunden, gehen ins Fitness-Studio und zu Starbucks Kaffee trinken. Davon kann die Mehrzahl der Angehörigen nur träumen.
Bei den 4 Millionen an Demenz erkrankten Amerikanern wird es sicher auch einige solche Familienkonstellationen geben, aber die werden eine Minderheit betreffen. Die ?Normalität? einer Alzheimer-Erkrankung wird auch bei den meisten amerikanischen Familien anders aussehen ? noch dazu, wo dort das Gesundheitssystem viel weniger absichert als bei uns. Und schon bei uns ist Demenz eine sehr teure Krankheit.
Ich frage mich nur, was an diesem Oberschicht-Phänomen so wichtig ist, dass die New York Times dem eine ganze Seite an zentraler Stelle widmet? Wenn ich mich in meiner Selbsthilfegruppe umschaue, wo meist über 70jährige Menschen den an Alzheimer erkrankten Partner pflegen, dann schaut das ganz anders aus. Für die ? und das sind meist Mittelschichtfamilien ? ist es schon was besonderes, wenn sie alle 14 Tage in die Selbsthilfegruppe gehen können und während der Zeit der Angehörige betreut wird. Ansonsten sind sie rund um die Uhr im Einsatz und können oft keine Nacht durchschlafen.
Drei Wochen Kurzzeitpflege in einer entsprechenden Einrichtung zahlt die Krankenkasse im Jahr ? egal ob der pflegende Angehörige dann Urlaub macht oder wegen eigener Erkrankung im Krankenhaus behandlungsbedürftig ist. Dieses Gespenst sitzt allen, die zu Hause pflegen, im Nacken. Neulich erlebte ich eine ältere Frau, die sich ? nach Meinung der Ärzte ? zu früh aus dem Krankenhaus entlassen ließ, in das sie wegen eines körperlichen Zusammenbruchs eingeliefert worden war: ?Was soll ich machen ? es muss ja irgendwie gehen?.
Sonntag, 27.11.2005
Zutrauen und staunen können
Manche Gespräche scheinen immer wieder gleich abzulaufen ? und doch ist manchmal etwas anders. Mama denkt wieder mal, dass sie noch in M. wohnt. ?Wann ziehe ich jetzt nach Berlin?? will sie wissen. Sie ist wieder mal beunruhigt, ob sie dort zurechtkommen wird, ob man sie dort verstehen wird und ob sie die Leute verstehen wird. Und diese Aussage hat ja mehr Ebenen als das sprachliche Verständnis zwischen Bayern und Berlinern, die im Allgemeinen schnell eine Ebene miteinander finden.
Es ist als ob die letzten Monate in Berlin weggeblasen sind. Sie weiß in diesem Moment nicht, dass sie schon seit Monaten in Berlin lebt. ?Ich denke schon, dass Du zurecht kommen wirst? sage ich. Ich rede mir leicht, denn ich habe ja die Erfahrung, zu der sie keinen Bezug herstellen kann. ?Weißt Du, mit den Kollegen, die aus Berlin waren, bist Du immer besonders gut ausgekommen. Und Pfleger Dieter ? und jetzt tue ich auch so als ob wir noch nicht in Berlin wären ? mit dem kommst Du doch prima zurecht. Sie nickt. Der ist auch aus Berlin, und Du verstehst ihn und er versteht Dich. Also, ich denke schon, dass Du in Berlin klarkommen wirst. Und ich bin auch da, und helfe Dir so gut ich kann.
Eine ganze Weile ist es still. Ich denke schon, dass sie wieder in sich versinkt, doch sie öffnet langsam den Mund, schaut mich intensiv an und sagt: ?Mein Kind traut mir mehr zu als ich mir zutraue.? In ihrer Stimme liegt eine Mischung aus Staunen und Fassungslosigkeit.
Dieses Erlebnis liegt schon einige Tage zurück, aber das Aufschreiben hat mich getröstet, nachdem die Geburtstagsfeier so schwierig und ich darüber enttäuscht war.